Wunden aus unserer Kindheit – VAVEUKI

« We are contemporary in our most ancient pains. »
Henry Bonnier, Journal of a conversion, Rocher 2005

Dieser kleine Text hat das Ziel, uns die wichtigsten Wunden, die wir in unserer Kindheit erfahren können, in Erinnerung zu rufen. Und einen kleinen Katalog anzubieten, um verschiedene schmerzliche Erfahrungen klarer unterscheiden zu können. Ich gehe hier nur auf die Wunden ein, die jedem von uns in unserem Leben begegnet sein könnten. Und unterscheide dabei zwischen den Wunden, die mit dem Leben im Allgemeinen zu tun haben und den Wunden, die in zwischenmenschlichen Beziehungen entstehen. Alle diese Erfahrungen stehen in Zusammenhang mit einigen unvermeidlichen  Erfahrungen aus unserer Kindheit. Diese sind unter anderem: Sich von anderen als unterschiedlich zu erleben, Trennungen zu erfahren, ein Bewusstsein von sich selbst zu entwickeln….
Wir alle kommen aus dem Land unserer Kindheit1. Wir haben aus dieser Zeit unseres Lebens glückliche und friedliche Erinnerungen, aber auch Erinnerungen von schmerzlichen und unbefriedigenden Erfahrungen, die sich uns langlebig eingeprägt haben. Letztere, meist inaktiv, können jederzeit in unserem Leben erneut aktiviert werden. Dabei können sie unterschiedlich bei uns abgespeichert sein: Entweder nur auf körperlicher Ebene oder auxh als uns, mehr oder weniger bewusste Bilder. Derartige Überreste aus unserer Vergangenheit sind häufig Quellen von Empfindlichkeit bis Erreg –und Reizbarkeit. Und sie werden in dem Moment erneut aktiviert, in dem wir etwas erleben, das dem ursprünglichen Erlebnis und dem Auslöser einer spezifischen Wunde ähnelt.

”Ich glaube”, so Jacques Salomé2 “ dass  die Wunden aus unserer Kindheit nie vollständig heilen. Sie können besänftigt werden, auch eine Narbe bilden. Aber sie bleiben ständig bereit, wieder aufzureißen, wenn bestimmte Ereignisse oder Situationen sie aufwecken. Wenn wir sagen, dass es uns gut geht, und wir mit uns selbst in Frieden sind, heißt dies nur, dass unsere   ursprünglichen Wunden gerade ruhen und nicht aufgerissen sind.“

Jacques Salomé bezeichnet diese Wunden oft als „primär“ oder „archaisch“. An dieser Stelle werde ich auf diese Bezeichnungen nicht näher eingehen, denn sie verdienen eine eigene Abhandlung. Zum allgemeinen Verständnis werde ich ebenso wie Jacques Salomé in seinen Büchern die Bezeichnung „Kindheitswunden“ benutzen3.

"Was genau sind diese primären Wunden, von denen Jacques Salomé spricht?"

Während der letzten Jahre habe ich in Bezug auf diese Frage mehrfach versucht eine Art Eselsbrücke zu finden, die als Erinnerungshilfe dienen kann in Bezug auf das, was alles zu diesen primären Wunden gehört.

Ich fand jedoch nichts wirklich Hilfreiches. Obwohl es mir in der Regel immer gelang, die Liste dessen, was die primären Wunden ausmachen, aufzustellen kostete es mich doch häufig einige Energie, um nichts zu vergessen. Bis ich vor kurzem einen kleinen Erinnerungstrick fand.

Dazu möchte ich erwähnen, dass ich ein paar Tage zuvor an einem Abend in meiner bevorzugten Buchhandlung an einer ganz besonderen Buchlesung teilgenommen hatte. Während dieser war der Autor Sori Chalandon zu seinem letzten Buch „Mon traître“  (übersetzt: "Mein Verräter") interviewt worden war. Es war ein Abend mit vielen Emotionen gewesen. Der Autor,  noch immer sehr berührt von den in seinem Buch geschilderten Erlebnissen, versuchte, die Geschichte seiner Kindheit und dem in ihr immer wieder erlebten Verrat, mit seinen Zuhörern zu teilen. Die Moderatorin wies darauf hin, dass durch seine Erzählung jeder im Raum sich mit ihm als Held identifizieren konnte. Und dies jenseits seiner schrecklichen Geschichte, die er als Reporter für die Zeitschrift „Liberation“ im Irlandkonflikt erlebt hatte. In dem Moment ergab sich für mich die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass Verrat eine der hauptsächlichen Wunden darstellt, die wir alle, in unterschiedlicher Intensität, in unserer Kindheit zugefügt bekommen.

Meine Vertiefung in die Lektüre von «Mon traître»4 und meine wachsende Sensibilität für den Inhalt des Buches in der darauf folgenden Woche, haben sicherlich dazu beigetragen, dass das Thema „primäre Wunden“ sich in meinem Kopf klärte. Dabei erschien das Acronym V.A.V.E.U.K.I. plötzlich in meinem Kopf.

V wie Verrat
A wie Ablehnung
V wie Verlassen Werden
E wie Erniedrigung
U wie  Ungerechtigkeit
K wie  Kraftlosigkeit
I as Intrusion, Eindringen

In jedem von uns gibt es eine besondere Verletzlichkeit in Bezug auf bestimmte Lebenserfahrungen. Jeder von uns erlebt immer mal wieder, dass wir unproportioniert auf bestimmte Situationen oder Verhalten anderer Menschen reagieren. Wenn unsere wunden Punkte heftig berührt werden, können wir auch heftig aus der Haut fahren. Manchmal kann ein einfaches Wort, ein Blick oder eine Geste von einem Gegenüber uns reagieren lassen. Es kann aber auch eine unerfüllte Erwartung von jemandem sein, der uns nahe steht (und der unseren Geburtstag beispielsweise vergessen hat). Oder, wenn jemand, den wir nicht kennen und dem wir im Supermarkt begegnen, uns zu nahe rückt. Es ist die eine oder die andere Wunde oder eine Variante von ihr, die auf diese Art und Weise bei uns aufgerissen wurde: Verrat (oder Täuschung), Abweisung (oder ausgeschlossen Sein), verlassen Werden, Erniedrigung (oder Scham), Kraft- (Hilflosigkeit), Ungerechtigkeit, Intrusion/Eindringen (beispielsweise in die Intimsphäre).

Und Sie als Leser, als Leserin: "Wissen Sie, welche Ihre immer wieder aufgerissenen, aktiven Wunden sind?"

Maryse Legrand

1 Aus «Car nous venons tous du pays de notre enfance», Jacques Salomé, Albin Michel 2000
2 in « Je mourrai avec mes blessures», Jacques Salomé Éditions Jouvence 2002, p 18
3 Aus « À l’écoute de nos blessures d’enfance », Jacques Salomé Les Éditions de l’Homme, 2003, p 69
4 veröffentlicht bei dem Verlag Editions Grasset, Dezember 2007